„Ein Piet Scobel, es gibt nur ein Piet Scobel! Ein Piet Scobel, es gibt nur ein Piiiiiet Scoooobel!“
Nürnberg hat kein Stürmerproblem, Nürnberg hat Piet Scobel.
Ernsthaft? Vergleicht der Golumnist hier gerade einen 20-jährigen Stürmer nach dessen Startelfdebüt in der zweiten Bundesliga mit den größten deutschen Kickern, gar mit dem einzigartigen Rudi Völler?
Exakt. Das mag anmaßend sein, übertrieben ist es aber nicht. Mit Piet Scobel hat der 1.FC Nürnberg die vermutlich beste Leistung der letzten fünf Jahre gezeigt und gegen das gallische Dorf Elversberg gewonnen. Scobel ist nicht nur groß mit blond gelocktem Haar, nein auch die Zahlen sprechen für diesen Vergleich:
Mehr als elf Kilometer Laufleistung und 80% gewonnene Kopfballduelle, beides Bestwerte bei den Nürnbergern.
Zwölf Torschüsse in einem Spiel – das ist neuer Rekord in dieser Zweitligasaison.
Zwei Tore beim Bundesliga Debüt – das haben weder Klose noch Völler geschafft und auch sonst nur Torjäger wie Haaland oder Kane fertiggebracht.
Aber vor allem: drei Punkte mit Nürnberg gegen Elversberg, nach doppeltem Rückstand, Elfmeter für den Gegner und einem vermeintlichen Chancenwucher. Piet Scobel ist der Matchwinner eines Spiels, das alles bot.
Nach einer Hinrunde mit zu wenig Offensivqualität, meldet sich der Glubb so genial wie konträr zurück und hat nun seine eigene Tante Käthe: Onkel Piet. 1

Neues Jahr, neues Tempo
Schon vor dem Spiel und nach einer guten Wintervorbereitung setzte man in Nürnberg Hoffnung in Piet Scobel. Der Pinneberger kam immerhin mit der Empfehlung von 14 Torbeteiligungen aus der famos aufspielenden zweiten Mannschaft des FCN. Auf der anderen Seite musste Elversberg erstmals ohne den alten Neu-Frankfurter Younes Ebnoutalib, Torschützenkönig der Hinrunde, verzichten. Außerdem fehlte ihr bester Vorlagengeber Bambasé Conté verletzt.
Die personelle Schwächung war den Saarländern bereits mit dem Anpfiff anzumerken. Der Club hingegen zeigte sich mit Scobel und einem gänzlich neuen Gesicht: mehr Tempo, höheres Pressing und vor allem: Chancen on mass. Und das alles über 90 Minuten und nicht, wie so häufig in der ersten Saisonhälfte, nur in einer Halbzeit.
So tauchten die Nürnberger in der ersten Viertelstunde gleich mehrfach gefährlich im gegnerischen Strafraum auf. Die Impulse, mit und ohne Ball, setzten zumeist Markhiev und Becker (7′), den Schwung in die letzte Zone brachte der pfeilschnelle Zoma (9′, 17′) und vorm Tor stand immer wieder Scobel (7′, 10′, 19′ & 23′).
Bereits in der 32. Minute verzeichnete der junge Völler seinen fünften Torschuss. Allerdings ohne Erfolg. Von Chancenwucher konnte trotzdem nicht die Rede sein. Zu konsequent die Abschlüsse, zu gut das Stellungsspiel und zu unglücklich die Umstände.
Und dann kam auch noch Pech dazu: statt der verdienten Führung für die Hausherren, konterte Elversberg kaltschnäuzig. Günther klaute erst Lubach den Ball, um dann nach einem guten Tempovorstoß zu Zimmerschied ins Zentrum zu passen, der locker ins Tor klatschte, nachdem Gruber ihn zu nachlässig gedeckt hatte (39′).
Damit stand der bisherige Spielverlauf Kopf. Nürnberg spielte aber weiter unbeeindruckt nach vorne und erarbeitete sich über den gut aufgelegten Lochoshvili und, natürlich, Scobel noch eine Chance vor der Halbzeitpause.
Dem bitteren Rückstand zum Trotz machte die Heimmannschaft in der zweiten Halbzeit genau so weiter. Gegen den Ball drängten sie sogar noch höher an, aber auch Elversberg wurde jetzt aktiver. Dauerbrenner Scobel trat so auch vermehrt defensiv in Erscheinung, wie bei der Balleroberung in der 51. Minute, die beinahe zum Ausgleichstreffer durch Julian Justvan führte.
Wenig später stellte Justvan dann wirklich auf Gleichstand. In ähnlicher Position wie bei der vorherigen Chance bediente ihn diesmal Yilmaz mit einen besser abgestimmten Steilpass, den Justvan leichtfüssig mitnahm und trocken einschob (56′). Endlich war der herausragende Schlussmann Kristof überwunden.
Spätestens jetzt war das Spiel selbst, oder gerade für neutrale Zuschauer ein echter Hingucker. Vor allem, wenn sie – wie die Freundin des Golumnisten – einen solchen Spielverlauf getippt haben.
Umso größer war der Ärger der nun zwei Zuschauenden bei Nürnbergs nachlässigster Szene des Spiels. Statt dem erhofften Führungstreffer, lud der Glubb die „Elv“ zum erneuten Gegentreffer ein. Erst verteidigte Drexler gegen Günther nachlässig, dann überließen Markhiev im Fall und die Innenverteidigung im (Still)Stand dem Elversberger Jarzinho Mangala den freien Rückraum. Mangala zirkelte ins Kreuzeck (65′) und Nürnberg musste erneut hinterherrennen.
Zum Glück hatte der FCN noch genug Energie im Tank und einen Stürmer in ihren Reihen, der dem großen Versprechen der eigenen Leistung gerecht werden wollte.
Angekündigt und vollendet: Nach einem weiteren Aluminiumtreffer von Lubach, blieb Pistolen-Piet hellwach und köpfte den Nachschuss geistesgegenwärtig ins leere Tor (71′).
Jetzt war zwar jeglicher Tipp und die realistische Hoffnung auf einen Heimsieg passé. Dafür wäre mit einer ruhigen Schlussphase zumindest ein verdienter Punkt eingetütet.
Und dann: die Zugabe
Doch es kam wie immer anders: Erst testete Reichert die Reaktionszeit von Mangala und hatte Glück, dass dieser seine Schnörkellosigkeit bereits beim 2:1 verbraucht hatte. Aufs leere Tor zögerte er zu lang und leiß Lochoshvili erneut gut aussehen (76′).
Danach gab Berkay Yilmaz seinem Gegenspieler Schmahl die Chance eine leichte Berührung im Strafraum dankbar anzunehmen. Und weil Reichert wiederum das Nürnberger Glück aufgebraucht hatte, gab Schiedsrichter Oldhafer den strittigen Elfmeter (80′).
Diese Entscheidung wollte der sonst so ruhige Klose nicht akzeptieren und sah fürs Meckern erst Gelb und für einen Flaschen-Kick dann sogar Gelb-Rot.
Überzogen? Nein: sehr clever, von Klose. Das behauptete zumindest Elversberg-Trainer Wagner. Der mutmaßte nämlich im Post-Match Interview, Klose habe den Schiedsrichter bewusst provoziert, um den Elversberger Elfemterschützen Otto Stange zu verunsichern.
Diesem Vorwurf widersprach Klose. Ihm tue es gar leid, dass Wagner so denken müsse. Reichert hingegen gab dem gegnerischen Trainer recht, indem er mühelos einen Elfmeter parierte, der tatsächlich nicht mit letzter Entschlossenheit geschossen wurde (85′).
Das Spiel schien spätestens jetzt zu Ende erzählt. Doch Einer wollte noch einen besonderen Epilog ergänzen: Piet Scobel.
Kurz vorm Schlusspfiff stieg der Youngster in bester Ronaldo, ähhh, Völler-Manier in die Luft und köpfte eine saubere Yilmaz Flanke unnachahmlich ein (90+3′). Den Körper gegen die Flugbahn des Balles gerichtet drückte er den Kopf in Richtung kurzen Pfosten und damit den Ball treffsicher ins Tor. Ein Tor wie ein Gemälde, das Ende eines Theaterstücks und ganz sicher der Beginn einer großen Stürmer Karriere.
Piet Scobel und sein Glubb lassen auf eine tolle Rückrunde hoffen. Solche Spiele sollten sich aber nicht allzu oft wiederholen, sonst wird nicht nur Klose von der Bank geworfen. Nein, bei dieser Dramatik würden sicher auch zu viele Zuschauer von ihren Stühlen fallen. Glubberer ganz sicher, aber bestimmt auch einige neutrale Beobachter und, wer weiß, vielleicht sogar der echte Rudi Völler.
- „Tante Käthe“ heißt nicht nur eine Kult Kneipe im Prenzlauer Berg. Nein, es ist auch der liebevolle Spitzname von Rudi Völler. ↩︎
brutaler artikel dikka